Rezension "Replay-Das zweite Spiel"

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Ein Albtraum mit Chancen

Stellen Sie sich vor, Sie sterben mit 43 Jahren an einem plötzlichen Herzinfarkt. Und wachen augenblicklich im Jahr 1963 als 18-jähriger Student in Ihrem alten College-Wohnheim wieder auf. Sie besitzen das komplette Wissen, all Ihre Erinnerungen und die schmerzhaften Erfahrungen Ihres gesamten bisherigen Lebens. Was würden Sie tun?

Genau vor dieser Chance steht Jeff Winston in Ken Grimwoods zeitlosem Meisterwerk "Replay — Das zweite Spiel". Doch was zunächst wie der Wunschtraum eines jeden Menschen klingt, der mit verpassten Gelegenheiten und Reue kämpft, verwandelt sich unter Grimwoods meisterhafter Feder in eine tiefgründige, existenzielle Odyssee.

Denn Jeff stirbt nicht nur einmal, sondern wieder und wieder und wieder. Alles, was Jeff sich in einer Existenz aufbaut, geht mit dem nächsten Herzinfarkt wieder verloren. Und so droht Jeffs Dasein mehr und mehr zum Albtraum zu werden.

Weit mehr als gewöhnliche Fantasy

"Replay" verzichtet bewusst auf physikalische Erklärungen oder technologischen Firlefanz. Es ist ein zutiefst menschlicher, ja fast philosophischer Roman.

Grimwood widersteht der Versuchung, eine reine Wunscherfüllungsfantasie zu schreiben. Er schickt seinen Protagonisten stattdessen durch alle Extremformen des menschlichen Daseins. Jeff wird Multimillionär, er wird zum Einsiedler, zum rücksichtslosen Geniesser und schliesslich zum verzweifelten Wahrheitssucher.

Die Dynamik des "Wiederholens"

Am Ende jeder durchlaufenen Zeitschleife, im Roman "Wiederholung" (englisch "Replay") genannt, steht unvermeidbar das erneute Sterben an demselben tödlichen Herzinfarkt. Selbst hinzugezogene Ärzte und Spezialisten sind rat- und machtlos.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich der Zeitpunkt des Eintritts in eine neue Zeitschleife zunehmend verspätet, und sich jedes "Replay" damit zeitlich verkürzt. Dadurch gehen Jeffs Chancen aus dem jeweils übersprungenen Lebensabschnitt unwiederbringlich verloren, wie etwa eine äusserst gewinnversprechende Pferdewette.

Gefährten im kosmischen Irrwitz

Die Dynamik gewinnt massiv an Fahrt, als Jeff auf Pamela trifft, die dasselbe Schicksal teilt. Ihre Liebesgeschichte, die sich über mehrere Leben, Jahrzehnte und alternative Realitäten erstreckt, findet Grauwolf eine der berührendsten und klügsten Beziehungsstudien der phantastischen Literatur. Vergleichbar etwa mit der tragischen Verbindung zwischen Kris Kelvin und dem Plasma-Abbild seiner verstorbenen Frau Harey in Stanislaw Lems Science-Fiction-Klassiker Solaris (1961, verfilmt 1972 und 2002). Jeff und Pamela teilen eine Intimität, die keinem "normalen" Sterblichen je vergönnt sein wird. Während sie gleichzeitig gegen die grausame Gewissheit ankämpfen, dass ihre gemeinsamen Zeitschleifen unaufhaltsam schrumpfen.

Zu den schmerzlichsten Erfahrungen, die Jeff in seinen Wiederholungen machen muss, gehört der Verlust seiner innig geliebten Tochter Gretchen. Alle Eltern, die in ihrem Leben ein Kind verloren haben, werden Jeffs tiefe Verzweiflung und seinen Hass auf ein unbarmherziges Schicksal nachvollziehen können.

Einzig die Liebe zwischen Jeff und Pamela wird zur tröstlichen Konstante im übermächtigen Irrwitz eines Universums, das für Jeff und Pamela aus den Fugen geraten zu sein scheint.

Ken Grimwood starb im Alter von nur 59 Jahren, ausgerechnet an einem Herzinfarkt. Hat Grimwood uns hier am Ende von seiner eigenen wahren Irrfahrt durch Zeit und Raum berichtet?

Grauwolfs Résumé

Ken Grimwood wirft in diesem so intelligent wie süffig geschriebenen Buch Fragen auf, die uns unweigerlich selbst beschäftigen.

Könnte das Wissen um die Zukunft uns wirklich glücklich machen? Und ist ein Leben ohne Endgültigkeit überhaupt lebenswert?

"Replay" ist spannend, melancholisch, tragisch und am Ende seltsam befreiend. Grauwolf findet es ein absolut fesselndes Kultbuch, das man nach der letzten Seite schliesst, nur um sofort mit geschlossenen Augen das eigene Leben Revue passieren zu lassen.

Grauwolf hält das Buch für einen bedeutenden Meilenstein der phantastischen Literatur und gibt ihm eine klare 5‑Sterne-Empfehlung.

Grauwolf meint (frei nach J. F. Kennedy):

Gib nicht Deinem Leben Jahre, sondern Deinen Jahren Leben.

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